10.01.11 Renate Künasts Heimspiel in der grünen Hochburg Heidelberg (Pressebericht)
Von Micha Hörnle/Rhein-Neckar-Zeitung
Vielleicht stehen die Grünen ja vor ihrem Jahr - zumindest in Heidelberg bei der Landtagswahl. Aber dennoch vermieden die vier Spitzen-Grünen, die beim gestrigen grünen Neujahrsempfang im Karlstorbahnhof redeten - Europa-Abgeordnete Franziska Brantner, Landtagsabgeordnete Theresia Bauer, Bundestagsabgeordneter Fritz Kuhn und die Spitzenkandidatin für die Berliner Wahl Renate Künast - offenen Triumphalismus.
In der grünen Hochburg Heidelberg hatten alle vor freundlichem Publikum ein Heimspiel, und Brantner sagte Bauer ein Direktmandat bei der Landtagswahl am 27. März voraus: Sollte das Heidelberger Ergebnis auch um die Hälfte über dem des Landes liegen - bisher war es fast das Doppelte -, dann könnte sich Bauer über 43 Prozent Wähleranteil in der Stadt freuen, 2006 waren es 21 Prozent. Und weil die grünen Bäume gerade in den Himmel wachsen, warf die schlagfertige Künast ein: "Die Wahlbeteiligung ist die Grenze."
In der Tat war der Abend gestern ganz auf den "Stargast" (Zitat Brantner) zugeschnitten: Die gut 200 Gäste wollten wissen, wie die ehemalige Verbraucherschutzministerin und jetzige Fraktionsvorsitzende im Bundestag so tickt. An der grünen Basis ist Künast ganz in ihrem Element: Sie duzt hartnäckig - und beginnt ihre Rede mit "So, Ihr Lieben". Sie geht eine Stunde lang auf eine Tour d'Horizon grüner Themen - vom "schwarz-gelben Atomdeal" über die "Wutbürger" bis hin zur Hartz IV-Reform ist wirklich alles drin. Sie spickt ihre Rede mit spitzen Anekdoten über das Berliner Führungspersonal - etwa indem sie ihre Arme salbungsvoll ausbreitet und sagt: "Wenn einer so im Bundestag ankommt, wissen wir schon, wer redet: Ursula von der Leyen!". Und sie lässt sich selbst durch schiefe Vergleiche nicht aus der Bahn werfen - so versuchte sie dem Publikum zu erklären, dass 2011 das chinesische Jahr des Hasen sei: "Und wer rief: ,Ich bin schon da?'", darauf das Publikum: "Der Igel!".
Auffällig: Künast redete als Bundespolitikerin, Spitzen gegen Klaus Wowereit, den sie im Herbst in Berlin ablösen will, gab es nicht. Stattdessen griff Künast lieber die Schelte Merkels von der grünen "Dagegen-Partei" auf und wandelte sie um: Die Grünen seien vielmehr eine Dafür-Partei: für eine sichere, nachhaltige Stromversorgung, für ein solidarisches Gesundheitswesen und für soziale Gerechtigkeit - und für mehr Bürgerbeteiligung. Damit war die 55-Jährige auch schon bei "Stuttgart 21", das sie aber nicht beim Namen nannte: "Im 21. Jahrhundert muss Demokratie anders gehen", die Bürger dürfen nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. In diesem Punkt war die grüne Landtagsabgeordnete Bauer wesentlich ausführlicher: "Das Vertrauen der Regierten zu den Regierenden ist erschüttert. Nach 15 Jahren erleben wir erstmals eine Auseinandersetzung zu S 21 - nachdem die Regierung dazu im Parlament jede Debatte verweigert hat." Sie will den Ausstieg aus dem Projekt mit Hilfe eines Volksbegehrens wagen - worauf es einige "Mappus weg!"-Rufe aus dem Publikum hagelte. Überhaupt, so Bauer, sei die Landesregierung in allen Fragen viel zu selbstherrlich - schließlich regiert die CDU seit 57 Jahren das Land - "länger als die CSU Bayern und länger als die Castro-Brüder in Kuba". Überhaupt hatten sich die Grünen an diesem Abend die CDU als Hauptgegner vorgenommen, die FDP gilt offenbar kaum mehr als satisfaktionsfähig, die "alte Tante SPD" wird eher mitleidig und beiläufig erwähnt, weil sie die Zeichen einer grünen Zukunft (also gegen S 21 und gegen Kohlekraftwerke) noch nicht erkannt habe. Umso folgerichtiger malte sich Bundestagsabgeordneter Kuhn die Zukunft im Land aus: "Die schwarz-grüne Option ist weg, jetzt geht es - und hier ist die Reihenfolge wichtig - um Grün-Rot."
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