Veranstaltung „Gute Schule wächst von unten“ sorgt für vollen Karlstorbahnhof

"Geht doch!" Der Heidelberger Landtagsabgeordneten Theresia Bauer steht die Freude über ihren Gast im Gesicht geschrieben. Sylvia Löhrmann ist nicht nur seit Mitte Juli Ministerin für Schule und Weiterbildung sowie stellvertretende Minister-präsidentin von NRW, sondern sie zeigt auch, dass es keine Utopie sein muss, "die Kleinen groß rauszubringen".

 

„Gute Schule wächst von unten“, das betont die gelernte Lehrerin für Englisch und Deutsch, die persönlich mit so ziemlich allen Schultypen Bekanntschaft gemacht hat, immer und immer wieder. Eltern, Kinder, Lehrende, Politik und Gesellschaft müssen an einem Strang ziehen, wenn mit wenig Zeit, viel Gegenwind und kaum Budget der Bildungsaufbruch trotzdem geschafft werden soll.

Keine Frage, Bildung ist das Kernthema der Bundesländer, was ihnen trotz aller Föderalismusreform geblieben ist. „Aber mehr noch“, so Theresia Bauer, die in ihrer Fraktion auch als Hochschulpolitische Sprecherin fungiert, „Bildung ist der Schlüssel für eine gerechtere Gesellschaft und die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben“. Und ganz nebenbei entscheidet sich an diesem Punkt auch noch die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. „Alle Talente fördern“, wie das geht, das gelte es sich abzuschauen bei den erfolgreichen Ländern wie Kanada oder Finnland, unterstreicht die Mutter zweier Söhne, die sich anschicken will, in Heidelberg das Direktmandat zu holen.

Wenn Sylvia Löhrmann spricht, dann sprüht die 53-Jährige, die in Essen geboren und längst schon in Solingen zuhause ist, förmlich. Das hängt sicher damit zusammen, dass die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen lange Zeit als Fraktionsvorsitzende im Landtag, aber auch als Kommunalpolitikerin und natürlich Lehrerin darauf gebrannt hat, endlich umzusetzen, was sich im internationalen Kontext längst schon als erfolgreich herausgestellt hat. Geblieben ist der Absolventin eines katholischen Mädchengymnasiums dabei ihr Glaube an Integration und ihre Überzeugung, dass das bisherige Prinzip im Umgang mit Kindern nach dem Motto „was nicht passt wird passend gemacht“, so nicht funktionieren kann.

Dass die Grünen das in Löhrmanns Heimatland in einer Minderheitsregierung machen müssen, stört sie nicht weiter. Wenn es doch einmal Verdruss bereiten sollte, hilft ihr der französische Philosoph Jean-Paul Sartre weiter: „Minderheiten sind die Mehrheiten von heute“, hatte der einst formuliert. Löhrmanns Prioritäten dabei sind klar: Bildung darf nie und nimmer vom Geldbeutel oder dem Bildungsniveau der Eltern diktiert werden und neben der Integrationsfähigkeit des Systems muss auch die Leistung verbessert werden. Und das auf allen Ebenen, will Deutschland nicht in absehbarer Zeit völlig abgehängt werden.

An der allgemeinen Lehrerschelte teilzunehmen, weigert sich die Pädagogin. Auch sie habe in ihrer Ausbildung nie gelernt, mit Lerngruppen ganz unterschiedlicher Kinder umzugehen, die Team- und Kritikfähigkeit sei den Lehrkräften regelrecht ausgetrieben worden. „Es hat niemand Schuld“, lautet ihr Credo. Was aber nicht bedeutet, dass sie das System nicht kräftig umkrempelt und dabei nicht ab und zu auch jemandem auf die Füße tritt. „Die Förderung der Anstrengungsbereitschaft steht nicht zur Disposition“, erläutert Löhrmann für alle Schultypen. Aber davon wird es ihrer Ansicht nach so viele gar nicht mehr geben. Denn die „Inklusion“, sprich die Integration von Kindern mit Handicaps im ganz normalen Schulbetrieb, hilft nicht nur ihnen, sondern auch allen anderen. „Gute Bildungspolitik macht Betroffene zu Beteiligten“, betont die Ministerin und setzt auf die Lösungen vor Ort, die auch dort erarbeitet wurde. „Gemeinschaftsschule“ (die kleine Schwester der Gesamtschule) heißt so eine Projekt-Variante, die alle Schultypen vereint und überdies ermöglicht, in 13 Jahren bis zum Abitur zu kommen.

Das Interesse ist groß, vor allem an Standorten, wo sonst kleinen Schulen das Aus drohen würde. Die Eltern sind interessiert, weil sie für ihre Sprösslinge alle Chancen gewahrt sehen und die Lehrer erkennen die Möglichkeit, mehr Kinder auf dem Bildungsweg zu erreichen als bisher. Ihr Motto ist „Vielfalt zulassen“ und das erhofft sich Theresia Bauer auch für Baden-Württemberg in naher Zukunft. Heidelberg sei dabei ein idealer Standort für neue Konzepte: Eine aufgeschlossene Bürgerschaft, ein Ort, an dem Lehrkräfte für alle Schultypen ausgebildet werden und ohnehin schon eine große Breite in der Schullandschaft besteht und viele Menschen, die nur darauf warteten, dass sich endlich etwas tut in Sachen Bildungsaufbruch.

Menü